Agent-Orange und die Folgen


25 Jahre nach Ende des Vietnam Krieges leiden etwa 70.000 Kinder an den Spätfolgen von Agent-Orange. Die US-Armee hatte das dioxinhaltige Entlaubungsmittel zwischen 1961 und 1971 versprüht, um den Vietcong zu treffen. Enkel dieser Kriegs-Generation sind mit Behinderungen zur Welt gekommen.
Das Gift wirkt noch immer. Pham Thi Thuy Linh kam ohne Arme zur Welt. Der Großvater des heute 6-jährigen Mädchens war Pilot der südvietnamesischen Luftwaffe und flog während des Krieges im amerikanischen Auftrag auch Einsätze, bei denen das dioxinhaltige Entlaubungsmittel Agent Orange versprüht wurde. Jahre nach dem Krieg bekam er eine Art Aussatz, verlor seine Finger, siechte dahin und starb verarmt und qualvoll. Sein Sohn ist gesund, die Enkelin Linh ist Opfer der übernächsten Generation.
Ein Vierteljahrhundert nach Ende des Vietnamkrieges sind in einem der ärmsten Länder der Welt noch immer die Spätfolgen für Mensch und Natur sichtbar. Drei Millionen Hektar Land wurden verseucht. Ein Drittel davon zeigt bis heute kein Anzeichen von Erholung, es wächst trotz Aufforstungsversuchen dort nur Elefantengras. Das Dioxin, das im Entlaubungsmittel war, ist in die Nahrungskette gelangt: es kommt durch den Verzehr von Fischen in den menschlichen Organismus. Hunderttausende von Menschen sind während des Vietnamkrieges mit chemischen Giften in Kontakt gekommen. Die vietnamesische Regierung schätzt die Zahl von Agent-Orange-Opfern auf 800.000 bis 1 Million; davon seien rund 100.000 als missgebildete Kinder geboren worden. Ihnen fehlen Gliedmaßen, Arme oder Beine sind verstümmelt, sie haben klaffende Hasenscharten oder sind geistig behindert.
Im Museum für Kriegsverbrechen in Ho-Chi-Minh-Stadt sind in Glasbehältern missgestaltete Babys zu sehen, die nicht die geringste Chance des Überlebens hatten. Fotos von Kindern ohne Arme, ohne Beine, mit entstellten Gesichtern hängen an den Wänden - ein Ort, der nachdenklich macht. Nicht dokumentiert sind all die Fehlgeburten und das Leid der Familien, die ohne finanzielle Unterstützung und ohne Hilfsmittel mehrere schwer behinderte Kinder versorgen müssen.
Bis heute ist noch nicht absehbar, in welchem Ausmaß sich die Wirkung der Inhaltsstoffe von Agent Orange auf das Erbgut des Menschen auswirkt. Auf jeden Fall ist die dritte Generation davon betroffen.
Langzeitfolgen eines Krieges
Fast 44 Millionen Liter des Entlaubungsmittels Agent-Orange fielen auf Vietnam. Die chemische Waffe wurde von den Amerikanern eingesetzt, um die Urwälder schnell zu entlauben und damit den Feind seiner natürlichen Deckung zu berauben. Insgesamt wurden 72 Millionen Liter Herbizide über Süd-Vietnam versprüht, innerhalb der zehn Jahre. Agent-Orange machte etwa zwei Drittel aller in Vietnam verwendeten Pflanzengifte aus. Sie enthielten etwa 170 Kilogramm der Dioxin-Verbindung TCDD. Agent Orange ist eine 50-zu-50-Mischung der zwei Herbizide 2,4-D (Dichlorphenoxyessigsäure) und 2,4,5-T (Trichlorphenoxyessigsäure). Diese Komponenten waren in der US-Landwirtschaft alltäglich angewandte Unkrautvertilger. Bei der Herstellung von 2,4,5-T entsteht als unerwünschtes Nebenprodukt das Dioxin, kurz TCDD genannt.
Peter Jaeggi weist in dem von ihm herausgegebenen Buch "Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig" darauf hin, dass es bei der übereilten Produktion von Agent Orange für den Einsatz in Vietnam zu einer verhängnisvollen Pfuscherei kam. Die Kontamination mit TCDD war sehr viel größer als vorgesehen. Sie war in vietnamesischen Zielgebieten bis zu tausend Mal höher als auf amerikanischen Äckern.
Die Provinz Quang Tri in Mittelvietnam zählt neben dem Mekong-Delta zu den Gebieten, die am stärksten gelitten hat. Die gleichnamige damalige Provinzhauptstadt Quang Tri wurde bei einem amerikanischen Bombardement ausgelöscht. Noch heute existieren verminte Gebiete, die unbewohnbar sind, und wo 25 Jahre nach Kriegsende Menschen sterben oder verstümmelt werden, wenn sie sich auf nicht geräumtes Gebiet begeben.
Bei fünf Prozent der Kinder, die in dieser Provinz zur Welt kommen, werden die Behinderungen auf Spätwirkungen der Chemiewaffen zurückgeführt. Von den 102.000 schulpflichtigen Kindern sind etwa 6.200 behindert, davon 2.200 schwer. Das Amt für Bildung und Erziehung hat in den letzten Jahren erreicht, dass 200 Leichtbehinderte integrativ an normalen Schulen unterrichtet werden.
Die Frage der Entschädigung
Die amerikanische Regierung weigert sich bis heute, Entschädigung für die vietnamesischen Opfer von Agent Orange zu zahlen. Sie schließt eine ursächliche Verbindung zwischen Herbiziden und Gesundheitsschäden noch immer aus. Völkerrechtlich ist die Hilfe nicht einklagbar. Der Einbezug der Herbizide und der Tränengase in das Verbot des Genfer Giftgasprotokolls von 1925 (die USA traten erst 1975 dem Genfer Giftgasprotokoll bei) ist unter den Staaten und den Völkerrechts- und Rüstungskontrollexperten bis zuletzt umstritten geblieben. Die USA haben deren Verbot lange abgelehnt. Bei den Vereinten Nationen sind seit 1966 zahlreiche Resolutionen in die Vollversammlung eingebracht worden, die den USA vorwerfen, gegen das Genfer Giftgasprotokoll verstoßen zu haben. Im Dezember 1969 wird erstmals eine Resolution angenommen, in der das amerikanische Entlaubungsmittel als Verstoß gegen das Genfer Giftgasprotokoll verurteilt wird.
Ein Problem ist, dass wissenschaftlich die krebserregende Wirkung von Dioxin nicht eindeutig nachgewiesen, beziehungsweise die Beweisführung im Fall von Dioxin äußerst schwierig ist. Der Dioxinnachweis im Blut und im Fettgewebe eines Menschen kann mehrere tausend US-Dollar kosten. Um die Folgen von Agent-Orange umfassend zu untersuchen, fehlen aber Vietnam Geld und Wissenschaftler.
Es fehlen aber auch die notwendigen medizinischen Infrastrukturen, damit rechtzeitig mit einer Therapie begonnen werden kann. "In Hue weist der Arzt und Wissenschaftler Nguyen Viet Nhan darauf hin, dass er leider nur jene Behinderungen diagnostizieren könne, die mit Augen, Händen, Ohren und mit dem Stethoskop erkennbar seien. ‚Uns fehlen die Ausrüstungen; so können wir ein Großteil der Geburtsgebrechen - vor allem auch Schäden an inneren Organen - nicht feststellen.'" (Peter Jaeggi 2000: 54).
In den USA haben nach langem juristischen Ringen die Chemiefirmen Monsanto und Dow Chemical, die Agent-Orange herstellten, einer amerikanischen Veteranenorganisation 240 Millionen US-Dollar Entschädigung gezahlt. Im Gegenzug ließen sich die Chemie-Multis bescheinigen, dass Agent Orange nicht für die Leiden der Vietnam-Veteranen verantwortlich sei.

Ein Literatur-Tipp:
Peter Jaeggi (Hg):
Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig - Spätfolgen des Chemiewaffen-Einsatzes im Vietnamkrieg, Lenos Verlag, Schweiz 2000.
Erstmals im Februar 2000 kündigte die Regierung Vietnams an, allen Veteranen eine Entschädigung zu zahlen, die während des Vietnamkriegs mit dem hochgiftigen Agent Orange in Kontakt gekommen sind. Die Opfer - und ihre Kinder, die mit schweren körperlichen Missbildungen geboren wurden - sollen monatlich sechs bis 14 Mark erhalten. Einen Monat später verkündete der US-Verteidigungsminister während seines Besuches in Vietnam, demnächst würden gemeinsame Forschungsarbeiten über die langfristigen Folgen von Agent Orange beginnen.
Viele behinderte Kinder aus armen Familien in abgelegenen Gebieten werden nicht angemessen medizinisch und physiotherapeutisch versorgt. Schlimmer noch: Familien verstecken die Kinder, die entstellte Gesichter, Wasserköpfe, das Grebes-Syndrom 1 (Grebes-Sydrom: Kinder mit viel zu kurzen Armen und Beinen) haben und sich nur auf allen Vieren fortbewegen können. Es ist nicht nur die Armut, es ist der Schicksalsglaube, die Unkenntnis über Ursachen und Hilfsmöglichkeiten.
Seit einigen Jahren hat jeder behinderte Mensch Anspruch auf staatliche Hilfe, es handelt sich dabei um bescheidene Beträge. Doch Gemeinden in notleidenden Regionen bleiben die Auszahlung schuldig. So zum Beispiel im Distrikt Binh Dai, einem der ärmsten in der Provinz Bentre. Während des Vietnamkrieges war dieses Gebiet - etwa 90 Kilometer südlich von Ho-Chi-Minh-Stadt - Schauplatz schwerer Kämpfe. Anlass für die Amerikaner, das Entlaubungsmittel Agent Orange zu versprühen: 16 Mal allein zwischen 1966 und 1972. Noch heute gibt es schwere Missbildungen bei Neugeborenen: Kinder mit doppelten Organen, mit fehlenden Gliedern, körperlichen Deformationen, Blindheit, mit Hirnschäden. "In einer Familie, die ich besuchte, saßen mir fünf Taubstumme gegenüber", berichtet Tho Beckmann. Nur zwei Kinder der Familie entwickelten sich normal.
Auf dem Land ist die Versorgung für Neugeborene unzureichend. Fehlbildungen werden zu spät erkannt, oder aber es fehlt das Geld für die rechtzeitige Behandlung.
(gekürzte Fassung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Behinderung und Dritte Welt", hg. v. der Bundesarbeitsgemeinschaft Behinderung und Dritte Welt, 3/2000.)
Richarda Wank

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